Vor Publikum frei und überzeugend zu reden, davon handelt dieser Artikel. Viel Vergnügen beim Lesen!

Schwimme gegen den Strom

Frei zu reden dürfte gemeinhin für jeden Redner erstrebenswert sein. In der Mehrheit aller Vorträge wird jedoch von Schriften oder Telepromptern abgelesen und Power-Point-Präsentationen am meisten Aufmerksamkeit geschenkt. Wie gelingt es Dir zur Quelle des rhetorischen Erfolgs zu gelangen? Indem Du gegen den Strom der Mehrheit schwimmst!

Kern des Problems ist zumeist, dass selbst bekannte Berufspolitiker oder Dax-Konzernchefs das freie Reden vor Publikum vermeiden und so als positive Beispiele nicht dienen können – doch sind gerade jene Menschen im Mittelpunkt der Massen. Ihre Bühne wird augenscheinlich nur bedingt genutzt.

Mahnende Beispiele

Exemplarisch seien Katrin Göring-Eckardt von den Grünen oder auch der aktuelle Bundespräsident, Dr. Frank-Walter Steinmeier, genauso wie Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, genannt. Frau Göring-Eckardt verpasst oft das Ziel, klare Botschaften zu übermitteln und emotional zu überzeugen. Weder mit Inhalt, noch mit Gestik und Mimik erreicht sie folglich ihre Zuhörer. Dies ist fatal. Herr Steinmeier trägt die Bürde seines Amtes mit Fassung. Ohne Zweifel erfüllt er mit seinen Reden und seinem Auftreten präsidiale Erwartungen, setzt Themen, etwa mit seinem Wunsch und Appell der Einmischung jedes Einzelnen für die Gesellschaft und Demokratie im eigenen Land, doch misslingt es ihm für gewöhnlich nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Selten spricht er frei, oft mit gleicher grimmiger Mimik und gefühlt nie emotional.

Werner Baumann hat es aktuell nicht leicht. Der Bayer-Konzern kaufte unter seiner Führung die amerikanische Firma Monsanta für rund 66 Milliarden US-Dollar auf. Er steht nun mit dem Gesicht für dieses Handeln an der Aktionärswand. Baumann schaffte bei der letzten Hauptversammlung einen unglücklichen Präzedenzfall. Noch nie zuvor erhielt ein Dax-Konzernchef nicht die symbolische Entlastung von seinen Aktionären. Seine Rede trug zumindest nicht dazu bei, die Stirnfalten der sorgenden Aktionäre zu glätten. Zu groß ist die Sorge, dass mit dem Unternehmenskauf und den damit verbundenen Gerichtsprozessen der wirtschaftliche Tod des Agrarchemie- und Pharmakonzerns ins Haus geholt wurde. Ganz zu schweigen von dem in Misskredit geratenen Unternehmensruf. Bayer verlor seit dem Unternehmenskauf in etwa so viel, wie Monsanto kostete. Mit Sicherheit kann eine Rede derartige Zahlen nicht genügend frisieren, allerdings Boden verlorenen Vertrauens zurückgewinnen. Diese Chance nutzte Baumann nicht. Er gab sich nüchtern und relativ unbeeindruckt. Für ihn und den Vorstand sei es die richtige Entscheidung gewesen, die sich langfristig auszahlen würde. Mit seinen Thesen stand er bei der Aktionärshauptversammlung in Bonn allein da.

Positive Beispiele

Es gibt auch Redner, die mit positivem Beispiel vorangehen. Denken wir an den Philosophen Richard David Precht, Joschka Fischer von den Grünen oder den Chef der FDP, Christian Lindner. Sie alle brillieren mit ihrem individuellen rhetorischen Stil ihr Publikum mitzureißen, zum Nachdenken anzuregen oder einfach in Erinnerung zu bleiben. Wer erinnert sich beispielsweise nicht an Fischers Ausruf im Bundestag 1984 „Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch!“? Oder an Herrn Precht, der mit seinen Bestsellern, Buchvorstellungen und beliebten Vorträgen den gesellschaftlichen Wandel mit zum Teil steilen Thesen skizziert und für Diskussionen sorgt. Nicht zuletzt ist Herr Lindners rhetorisches Talent hervorzuheben. Ist er es doch, der immer wieder mit Raffinesse neue Impulse setzt und einer der gefragtesten Redner des Landes auch außerhalb der politischen Bühne ist. Beeindruckend weiß sich Lindner beispielsweise beim Dreikönigstreffen der Liberalen in Szene zu setzen. Wie kein anderer versteht er es für gut eine Stunde frei zu reden. Dabei nutzt er zahlreiche rhetorische Mittel, verliert nie den Faden, weiß, wovon er spricht.

Wie gelingt ihm das? Durch viel Übung. Lindner selbst antwortete einmal auf die Frage, wie es möglich ist, sich rhetorisch zu verbessern, sinngemäß mit den Worten „durch viel lesen, zuhören und reden“. In der Praxis werden aus rhetorischen Schülern wahre Meister. Ein Cicero fällt so leicht nicht vom Himmel. In den Olymp der Rhetorik kommt nur, wer beflissen an sich und seinem Wort kontinuierlich arbeitet. Nützliches Handwerkszeug wird einem in der Schule, im Studium oder auch in Seminaren vermittelt. Am Ende obliegt es einem selbst, wie so oft, spürbare Fortschritte zu erzielen. Maßstab des Erfolgs ist dann nicht die eigene Wahrnehmung, sondern die Resonanz des Publikums. Was gibt es Schöneres, als wenn die viele Mühe in eine vorbildliche Vortragsweise Früchte des anhaltenden Applauses trägt?

Frei reden, heißt, sich frei zu fühlen

Das Erlernen des freien Redens gilt es ganzheitlich zu betrachten. Nur wer sich frei auch vor fremden Publikum fühlt, weiß auch sicher und gekonnt frei zu reden. Beginnend bei einer standfesten, doch angenehmen Körperhaltung, weiterführend durch eine ansprechende Gestik und Mimik, bis hin zur passenden Wortwahl gehört viel zu einer Rede dazu, die Maßstäbe setzt. Der rote Faden, Pointen, Metaphern verleihen jeder Rede das Salz in der Suppe. Die richtige Dosierung hängt vom Publikum ab. Sich darin und in vielen weiteren rhetorischen Bereichen weiterzubilden ist sinnvoll wie wünschenswert. Sehen wir doch zweifellos am Beispiel von Herrn Baumann, dass jeder, gleich ob Schüler oder Vorstandschef, mit Reden stark punkten oder auch Federn lassen kann.

 

Nehmen und geben ist eine Tugend

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